Notizie Goethe, der Kolonialismus und – die Palme

Die Dr. Christiane Hackerodt Kunst- und Kulturstiftung freut sich die Ausstellung der Installationskünstlerin Frauke Zabel: die Palmen sich wie folgt gruppieren: in Venedig vom 31. Oktober bis 26. November 2023 im Domus Civica zu fördern.

Südse(e)hnsucht – Zur wissenschaftlich-künstlerischen Palmenforschung von Frauke Zabel

Nach ihrer Ausstellung im Maximiliansforum in München und einer Forschungsreise nach Brasilien zeigt die Künstlerin Frauke Zabel (*1985), die an der Schnittstelle von Bildhauerei, Installation, Performance und Videokunst arbeitet, ihr Projekt die Palmen sich wie folgt gruppieren: in Venedig.

Im Mittelpunkt von Zabels Palmenprojekt steht die eigene Sammlung von „Belegen“, die von Palmen als Forschungsgegenstand erzählen. Ihre Untersuchungen gehen aus von der Arbeit des deutschen Naturforschers Carl Friedrich Philipp von Martius (1794-1868), der auf einer Brasilienreise Palmen sammelte, um sie anschließend in Europa zu klassifizieren, zu benennen und kultivieren zu lassen. Frauke Zabel folgte seinen Spuren zunächst im Botanischen Garten in München und dieses Jahr auch in Brasilien. Mittlerweile hat sie 75 unterschiedliche Palmenbelege gesammelt, untersucht, beschrieben, konserviert und dabei in 22 selbstangelegte Klassifikationen eingeteilt. Diese medialen Belege von Palmen ordnet sie mit eigener Methodik und fertigt analoge Palmenbelege an. Diese erstellte Systematik bildet die Basis für ihren künstlerischen Wissenstransfer. Zabels Sammlung umfasst dabei prozessuale Materialien wie fotografische Studien, Texte und Abbildungen historischer Publikationen, Pflanzenbelege, Videosequenzen und akustische Impressionen. Die öffentlichen Präsentationen, wie zuletzt im Maximiliansforum in München und jetzt im Projektraum D3082 in Venedig, konzipiert sie in kooperativer Arbeitsweise zusammen mit der Gestalterin Anna Lena von Helldorff.

Während ihrer Residenz im Deutschen Studienzentrum in Venedig hat Frauke Zabel eine autochthone Palme identifiziert. Es handelt sich um eine ‚Palma nana‘, eine im Mittelmeer heimische Zwergpalme, die im Innenhof des Naturhistorischen Museums im Santa Croce-Viertel steht. Das großformatige Foto dieser Palme wird anlässlich der Ausstellung zu einem neuen Palmenbeleg der Sammlung. Somit rückt Frauke Zabel dieses Objekt, dass aus der gleichen Familie stammt wie die ebenfalls von ihr katalogisierte ‚Goethe-Palme‘ aus dem Botanischen Garten in Padua, aus der Reihe heraus und schafft eine besondere Nähe zur Lagunenstadt.

Wie im Maximiliansforum in München gestaltet Zabel auch im Projektraum D3082 einen fluiden Übergang zwischen Innen- und Außenräumen. Allerdings verzichtet sie in Venedig auf Videoinstallationen und konzentriert sich auf die Gestaltung von Schautafeln. Diese zeigt sie nicht nur auf den weißen Stellwänden, sondern auch auf den großflächigen Schaufenstern. Dabei plakatiert sie die Vitrinen an der viel frequentierten Calle delle Sechere – zwischen Rialto und dem Busbahnhof Piazzale Roma – von innen und von außen. Mit diesen drei unterschiedlichen vertikalen Ebenen konstruiert Zabel eine räumlich angeordnete Pflanzensammlung und legt dabei das zugrundeliegende Klassifizierungssystem offen. Dabei nummeriert sie die Schaufenster mit römischen Ziffern I-IV und gibt so eine Leserichtung vor. Trotzdem wir das dreidimensionale Herbarium für die Betrachter beim Vorbeilaufen von beiden Seiten erfahrbar. Allerdings treten je nach Standort und Lichtsituation andere Akzente in den Vordergrund.

Als der Schriftsteller, Dichter und Naturforscher Johann Wolfgang von Goethe im Jahr 1786 den Botanischen Garten in Padua besuchte, notierte er „Es ist erfreuend und belehrend, unter einer Vegetation umherzugehen, die uns fremd ist. Bei gewohnten Pflanzen, sowie bei andern längst bekannten Gegenständen denken wir zuletzt gar nichts, und was ist Beschauen ohne Denken?“ [1]

Auch Frauke Zabels botanische Studien führen über die ästhetische Anschauung des organischen Materials hinaus. Denn ihre künstlerisch-wissenschaftliche Praxis zielt auf die kulturhistorische Dimension der Palmenkunde, sie interessiert sich für die Erforschung von Handels- und Konsumwegen in Europa und in Südamerika. Zabel will bestehende Kategorien aufbrechen, sie ergänzen und erweitern. Ihr klassifizierendes Alphabet, das mittlerweile in Deutsch, Portugiesisch, Englisch und jetzt auch in Italienisch vorliegt, ist daher provokativ formuliert.[2] In der Ausstellung die Palmen sich wie folgt gruppieren: lesen wir von Palmen, „die dem König gehören“, die „konserviert, gezähmt und kultiviert“ sind. Dass Palmen „aus dem Rahmen fallen“. Und wenn Frauke Zabel eine Klassifikation der Palmen vorschlägt, „die weit herumgekommen sind“, referiert sie konkret auf die kolonialen Ausbeutungssysteme und die weiten Transportwege von Südamerika nach Europa. Auf dieser textuellen Ebene treffen unterschiedliche Wert- und Wissenssysteme aufeinander und führen zu einer kreativen Spannung. Für den Betrachter, der an den Schaufenstern des Projektraums D3082 rasch vorbeieilt, erschließt sich dieses Potenzial zunächst nicht. Denn Frauke Zabel fordert ihr Publikum dazu auf, innezuhalten und sich den Fragen zu stellen, die sie aufwirft. Dann wird die von Frauke Zabel kritisch beleuchtete Südse(e)hnsucht erfahrbar, die uns Europäer nicht erst seit Goethe umtreibt. 

Petra Schaefer, im Oktober 2023

 

[1] Johann Wolfgang von Goethe, Italienische Reise, München 1981, S. 60.

[2] Das Alphabet ist in Anlehnung an eine von Jorge Luis Borges zitierte chinesische Enzyklopädie entstanden und soll die Willkür der bestehenden und praktizierten Klassifizierungssysteme offenlegen. Vgl. Jorge Luis Borges, Die analytische Sprache John Wilkins’, in: ders., Das Eine und die Vielen. Essays zur Literatur, München 1966, S. 122.

Frauke Zabel, die Palmen sich wie folgt gruppieren:, 31. Oktober-26. November 2023, D3082 Projektraum für Kunst von Frauen, D 3082 Domus Civica, San Polo/Calle de le Sechere 3082, 30125 Venedig. Ein Projekt in Zusammenarbeit mit der Gestalterin Anna Lena von Helldorff. Die Ausstellung des Deutschen Studienzentrums in Venedig wird kuratiert von Petra Schaefer und gefördert von der Dr. Christiane Hackerodt Kunst- und Kulturstiftung Hannover.

Vernissage am Montag, 30. Oktober 2023 um 18 Uhr eingeführt von PD Dr. Richard Erkens, Direktor des Deutschen Studienzentrums in Venedig.

Frauke Zabel ist gelernte Gold- und Silberschmiedin, Künstlerin und Kunstvermittlerin. Sie hat an der Burg Giebichenstein Halle-Saale, der Akademie der Bildenden Künste in München und der Universidade de São Paulo studiert. Bis August 2023 war sie Mitarbeiterin an der Akademie der Bildenden Künste München im Fachbereich Kunstpädagogik. Frauke Zabel promoviert an der Akademie der Bildenden Künste in Wien. Für ihre recherchebasierten Performance-, Video- und Textproduktionen arbeitet sie oft in dialogischem Austausch mit Kolleg:innen zusammen.

Petra Schaefer studierte Kunstgeschichte, Germanistik und Christliche Archäologie in Heidelberg, Bologna und Bonn. Sie ist am Deutschen Studienzentrum in Venedig im Bereich der Kunstförderung – Bildende Kunst, Architektur, Literatur und Komposition – tätig. Neben ihrer kuratorischen Arbeit ist sie Herausgeberin von Kunstkatalogen und Autorin. Seit 2010 ist Petra Schaefer Korrespondentin der Weltkunst. 

 

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